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Wenn Bratäpfel im Backrohr dampfen und ein sprechender Plüschhase verwirrt

27.12.2019

Signaturautoren lesen Weihnachtliches zwischen Ausstellungskunst

 

 

Erschienen am 27.12.2019 in der Schwäbischen Zeitung Tettnang

 

Von Lorenz L. Göser

 

Kressbronn – Vier Autoren haben am Sonntag in der LÄNDE „Süßer die Worte nie klingen…“ präsentiert, umrahmt von derzeitiger Ausstellungkunst und von jahreszeitlichen Zitherklängen, gezupft von Mali Marschall. Eingeladen zu dieser gut besuchten vorweihnachtlichen Lesung hatte Signatur e. V. aus Tettnang in Kooperation mit der Kulturgemeinschaft Kressbronn.    

 

Als erster Leser trat der für seine Lyrik mehrfach ausgezeichnete Senior der Gruppe, Ottmar Meschenmoser aus Weingarten ans Pult und weckte bei denen, die ihn kennen, sogleich Vorfreude und Spannung auf seine verschmitzten und oft tiefsinnigen Gedichte. Doch leider tut seinem mundartlichen Auftakt „Uff em Weihnachtsmarkt“ die Tontechnik nicht gut, was den Genuss am Erlauschten erschwert. Nach der Pause wird's dann verständlicher, bei den schriftdeutschen „Weihnachtsträumen“ und „… man hört 'in dulce jubilo' / aus Sternenräumen klingen.“

 

Die Meisterfotografin Rita Schade aus Tettnang bezieht den Stoff fürs kreative Schreiben gerne aus ihren fränkischen Kindheitstagen. In der folgenden Lesung werden daraus „Weltstoffe“, indem sie vom Besuch beim benachbarten Schneidermeister Hans erzählt: einfach und doch präzis, so dass die warme, freundliche Atmosphäre aus der Nähstube der 50er-Jahre auf den Zuhörer übergeht, gar sehnsuchtsvolle Erinnerungen weckt und eine „runde“ Stimmung zaubert, die schon adventlich ist, bevor noch „Bratäpfel im Backrohr dampfen“. 

 

Erfrischend klar und ausdrucksvoll hat als dritte dann Roswitha Stumpp, die wir aus der Schwäbischen Zeitung kennen, mit einer Glosse über „Adventskalender“ aufgewartet, hinter deren mittlerweile teuren Türen sich offenbar Präsente für jeden Geschmack verstecken: Außer Lebkuchen auch Beauty-Artikel, Schnapsfläschchen und allerlei mehr. Sogar Hunde können aufs Türchenöffnen dressiert werden. Am 24sten selbst gilt allerdings zunehmend die Parole: „Mir schenket nix“, - was festtäglichen Streit vorprogrammiert.

 

Nach dem Zitherspiel mit traditionellen Weisen gab es eine Pause mit Gelegenheit zum Galeriebesuch – und danach etwas ganz Anderes: Der junge Preisträger von Signatur e. V. und der Stadt Markdorf, Dirk Wittmann, liest „Kramers letzte Weihnacht“. In neuem Duktus wird von einem Dirigenten erzählt, der schwitzt, dem alles zuviel wird und der sich fragt, was dieses Leben soll und wohin das führt. Vordergründig jedenfalls mal mit dem Auto Richtung Meer. Doch da spricht den halluzinierenden Kramer von dessen Nebensitz aus plötzlich ein zerzauster, einäugiger, ihm nicht ganz unbekannter Hase an, aus Plüsch und doch lebendig, und stellt ihm unangenehme Fragen, gibt brüske Anweisungen und verwirrt den Fahrer wie den Zuhörer. Trotz ihrer märchenhaft-unheimlichen Passagen kommt die Geschichte leicht und humoristisch daher.

 

Nach diesem Ausflug in den „magischen Realismus“, dem Dank der Signaturvorsitzenden Angelika Banzhaf an Dr. Jakob Böttcher (Kulturbeauftragter der Gemeinde Kressbronn) und nach Ottmar Meschenmosers aktuellen Zeile „…Mir scheint, zu Weihnacht dieses Jahr / schlägt wohl der Winter einen Haken…“, machte Mali Marschalls letztes Stück noch Hoffnung mit und auf „White Christmas“.

 

Foto: Mali Marschall, Dr. Jakob Böttcher, Rita Schade, Ottmar Meschenmoser, Roswitha Stumpp und Dirk Wittmann haben in der Lände „Süßer die Worte nie klingen“ präsentiert. Foto: Angelika Banzhaf