Literarische Fundstücke in der Abendsonne

17.05.2022

Facettenreiche Lesung in der Gemeindebücherei Kressbronn

Erschienen am 17. Mai in der Schwäbischen Zeitung Tettnang.

Kressbronn - In Kooperation mit der Gemeindebücherei Kressbronn haben Vorstände der literarischen Vereinigung „Signatur“ zur Lesung „literarischer Fundstücke“ eingeladen. Facettenreich präsentiert wurden dabei Buchauszüge von G.E. Lessing bis hin zu B. Wells zum Thema des laufenden Schreibwettbewerbs. „Und plötzlich war alles anders“, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Schon mit dem einführenden Enzensberger-Gedicht zählte Hajo Fickus ein Dutzend „Andenken an den prägnanten Moment“ auf - also ganz unterschiedliche Einschnitte ins Leben.

So absolvierte auch der beliebte Berner Altphilologe Gregorius über 30 Jahre zuverlässig seinen Unterricht, bis ihn die dramatische Begegnung mit einer Portugiesin - und mehr noch ein antiquarischer Buchfund - bewog, das Klassenzimmer abrupt zu verlassen und in den „Nachtzug nach Lissabon“ zu steigen, wie Lorenz Göser aus Paul Merciers Roman vortrug.

Wie leise sich eine Krise ankündigen kann, ehe sie ganz unerwartet aufbricht, zeigte Moni Moser mit ihrer Auswahl aus Mareike Fallwickls Roman „Die Wut, die bleibt“. Schon die bei Tisch so oft in die Luft gesprochene Frage „Haben wir kein Salz?!“ führte beim mitfühlenden Hörer zu Gänsehaut - und bei der Angesprochenen zum Sprung vom Balkon.

Wie 1453 die „Die Eroberung von Byzanz“ buchstäblich durch eine Hintertür ermöglicht wurde und so die Zukunft Europas verändert hat, ließ Wolfgang Mach die aufmerksamen Zuhörer in Zweigs „Sternstunden“ miterleben - und noch Klabunds auflockernde Lesung „Der Flieger“ folgen.

Roswitha Stumpp las aus einer Erzählung von Mark Twain, in der ein armer junger Mann per Wette an eine „1-Million-Pfund-Note“ gerät; aber wer soll die wechseln? Das nachfolgende Lessing-Gedicht „Faustin“ entließ die Gäste erheitert in die Pause.

Judith Tinnachers Lesepassagen aus Benedict Wells aktuellem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ fokussierten geschickt darauf, wie weitreichend ein früher Unfalltod der Eltern das Leben von drei Geschwistern jäh auf den Kopf stellt.

Das Wangener Theater-Duo Hajo Fickus und Monika Schüler spielte mehr als es las: Bei Kafkas „Verwandlung“ fühlte man sich selbst als Käfer, und aus Günter Kunerts Gedicht „Wie ich ein Fisch wurde“ sprach sarkastisch der Rat, sich neuen Gegebenheiten eben anzuwandeln. Wie ein Feuerwerk folgten auf „Energie-Booster“ „Stufen“ und auf „Neue Liebe neues Leben“, während sich in Kästners „Sachliche Romanze“ die Liebe langsam verflüchtigt. Und ganz banal ändert sich ein Abend bei Loriot - einfach weil der Fernseher kaputt ist.

Aus aktuellem Anlass gab Lorenz Göser den Zuhörern dieses Leseabends noch eine Keuner-Geschichte von Bertolt Brecht mit auf den Heimweg: „Maßnahmen gegen die Gewalt“.

Weitere Informationen zu der Signatur-Förderpreisausschreibung gibt es unter www.signatur-literatur.de

 

Bild zur Meldung: Bei der Lesung in der Gemeindebücherei Kressbronn (von links): Sigrid Kögler (Leiterin Gemeindebücherei Kressbronn), Lorenz Göser, Moni Moser, Hajo Fickus, Roswitha Stumpp, Judith Tinnacher, Monika Schüler, Wolfgang Mach und Angelika Banzhaf (Vorsitzende Signatur). (Foto: Peter Moser)