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Signatur-Lesung: Wenn Weihnachten zum Stress pur wird

16.12.2018
Von Christel Voith

 

Tettnang - Es war am Sonntag, 16. Dezember 2018, ein fliegender Wechsel im Hofgut Schleinsee: Kaum haben die letzten Gäste den ausgebuchten Brunch verlassen, sind neue Besucher ins Hofcafé geströmt, denn auch die nachmittägliche „Adventslesung der besonderen Art“, zu der die literarische Vereinigung „Signatur“ eingeladen hat, war ausverkauft.

Es duftete verführerisch nach Kaffee und am Büffet warteten ebenso verführerische Torten, so richtig dazu angetan, einen entspannten Nachmittag zu genießen, zumal die Straßen nach dem ersten Schneefall weit besser befahrbar waren, als man morgens noch befürchtet hatte.

Mit Zitherklängen leitete die Tettnangerin Mali Marschall den Kaffeenachmittag ein und setzte später liebenswerte Zäsuren zwischen den Lesungen, die den Kopf freimachten, um Neues aufzunehmen. Mit einem Gedicht von Ringelnatz begrüßte die Signatur-Vorsitzende Angelika Banzhaf die Gäste und stellte die drei Lesenden vor, die wohl jeder im Raum kannte: Jurymitglied Lorenz Göser, Schriftführerin Roswitha Stumpp, den Lesern der Schwäbischen Zeitung auch von ihren Glossen bekannt, und die Zweite Vorsitzende Ingrid Koch, die trotz Arm- und Beinbruchs „frisch genagelt“ zur Lesung kam.

Jeder trug im Wechsel in seinem ureigenen Stil humorvolle und besinnliche Texte zur Advents- und Weihnachtszeit vor, Erinnerungen an selbst Erlebtes, bei denen jeder verständnisinnig nickte. Nur Lorenz Göser fiel hier aus der Reihe, denn wer kann schon mit seinen Erfahrungen mithalten, die er als Entwicklungshelfer und bei späteren Besuchen in Afghanistan oder Pakistan gemacht hat.

Weihnachtsbäume und arme Kinder in Islamabad

Mit Gösers Augen entdeckte man auf den Straße Männer und Frauen, die Josef und Maria sein könnten, vom Jeep aus eine „heilige Familie“ mit einer verschleierten Frau mit Kind auf dem Esel und einem Mann zur Seite, der sie führte. Im Flüchtlingslager hatte er Babys gesehen, nicht in der Krippe, aber ebenso arm wie das Jesuskind. In Islamabad hatte er auf der Straße einen reich geschmückten Weihnachtsbaum gesehen, für den als Vorwand der Geburtstag eines „Führers der Nation“ herhalten musste.

Wie viel näher kamen einem da die sehr heutigen Beobachtungen von Roswitha Stumpp. Sie erzählte von einem Nikolaus, den bei seinen Besuchen piepsende Handys nerven, so dass er überlegt, ob er nicht lieber den Ruprecht allein und von sich nur ein WhatsApp-Foto schicken soll. Sie erzählte von Problemen, die frau vor einem Geschäftsweihnachtsessen umtreiben: Welcher Dresscode, was bedeutet „zwanglos“?

Und erst die alljährlichen Weihnachtsrituale vom Christbaumschmücken über die „Schrecken pur“ beim Weihnachtsessen und später die unliebsamen Überraschungen bei der Bescherung, bis endlich Weihnachten wieder „abgehakt“ werden kann.

Weihnachtsbreetla als Geschmacksruinen

Auf verständnissinniges Nicken und Schmunzeln stieß auch Ingrid Koch, wenn sie vom Adventskaffee mit Mutter und Tante, von den immer gleichen Themen und den bissigen Bemerkungen erzählte. Nicht minder nervig die Wünsche der 13-jährigen Enkelin – kein Buch, kein Spiel, sondern Smartphone und Co. sollen es sein.

Lebhaft stand der vorprogrammierte Familienkrach vor Augen, wenn am Weihnachtstag Neid und Eifersucht ausbrechen. Oder der Stress pur, wenn „Weihnachtsbreetla“ als „Gschmacksruinen“ oder „Gsundheitsfraß“ daherkommen. Noch manches mehr hat zum Schmunzeln – oder zum Bessermachen – angeregt.

 

Erschienen am 16.12. 2018 in der Schwäbischen Zeitung Tettnang